Braune Töne

Neonazis feiern die ganze Nacht – immer wieder und oft in Bayern. Rechtsrock-Konzerte sind das “Herz der rechten Szene”, sagt Aussteiger Felix Benneckenstein. Höchste Zeit genauer hin zu sehen.

YouTube Preview Image

Ein paar Dutzend Neonazis treffen sich zum Feiern in einer Scheune auf dem Land. Die Party ist geheim. Die meisten kennen sich, alle wurden persönlich via SMS eingeladen. Schnell sind viele betrunken, die Stimmung ist aggressiv. Eine wenig begabte Rechtsrock-Gruppe grölt rassistische Parolen, alle singen mit. Die Neonazis feiern die ganze Nacht. Die Polizei bekommt davon nichts mit.

Alltag in Deutschland, auch in Bayern. Warum die ganze Aufregung, könnte man fragen. Sollen die Neonazis sich doch hinter verschlossenen Türen besaufen, da schaden sie am wenigsten. Doch das ist zu kurz gedacht. Rechtsextreme Konzerte sind viel mehr als nur Partys. Das hat der britische Neonazi Stuart Donaldson bereits in den 80er Jahren erkannt. Er gilt als Vater des Rechtsrock und hat die mittlerweile in Deutschland verbotene Bewegung “Blood and Honour” gegründet, um rechtsextreme Musiker weltweit zu vernetzen. Er sagte: “Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden.”

Bei Felix Benneckenstein (26) aus Erding ist Donaldsons Plan aufgegangen. Mit 15 ist er über rechtsextreme Musik zur Szene gestoßen. “Da wurde mir vermittelt, dass ich unterdrückt werde, mit meiner Meinung aber nicht alleine bin”, sagt er heute. 2010 ist er aus der Szene ausgestiegen. Bis dahin ist er als “Liedermacher Flex” auf Rechtsrock-Konzerten in ganz Deutschland aufgetreten. Rechtsrock-Konzerte spielen für Felix eine zentrale Rolle. „Da schlägt das Herz der rechten Szene“, sagt er. “Hier tauschen sich Kader und Kameraden aus, hier tanken sie Selbstvertrauen, hier können sie die Sau rauslassen.” Mit Hitler-Groß, SS-Abzeichen und SA-Kampfliedern. “Wenn die Konzerte verhindert werden, trifft man die rechte Szene empfindlich.”

Undercover-Journalist Thomas Kuban hat in den Jahren 2004/2005 mit versteckter Kamera auf bayerischen Rechtsrock-Konzerten gedreht. Sein Fazit im Jahr 2007: “Bayern ist Deutschlands Konzert-Paradies für Neonazis.” Er wirft den Polizisten vor, bei Rechtsrock-Konzerten Straftaten zu ignorieren. Wir sind diesem Vorwurf nachgegangen.

YouTube Preview Image

Es ist wichtig, dass die bayerischen Polizisten in Zukunft mehr Rechtsrock-Konzerte abbrechen und Straftaten wie Volksverhetzung konsequenter verfolgen. Aber das reicht nicht. Von vielen Konzerten erfährt die Polizei gar nichts. Noch gelingt es den Neonazis immer wieder eine Scheune, ein Gasthaus oder eine Wiese zu pachten. Das funktioniert aber nur solange, bis die Bürger in der Umgebung sich dagegen wehren.

Ein gutes Beispiel für die Macht der Bürger ist der Streit um das “Gasthaus Gruber” in der oberbayerischen Gemeinde Halsbach. Der bekannte Neonazi-Kader Norman Bordin hat das hoch verschuldete Gasthaus gepachtet und wollte daraus ein “Neonazi-Kulturzentrum” machen, mit Wohnräumen für Rechtsextreme wie Martin Wiese und einer festen Konzert-Location. Das schien zu funktionieren. Im Januar und Februar 2012 organisierte Bordin mehrere Rechtsrock-Konzerte in dem Gasthaus. Unter anderem trat die deutschlandweit bekannte Neonazi-Band “Die Lunikoff-Verschwörung” auf.

Letztlich zerstörten nicht die Auflagen des Landratsamtes oder die Präsenz der Polizisten, sondern der Straßen-Protest der Bürger Halsbachs Bordins Pläne vom “Neonazi-Kulturzentrum”. Nach jahrelangen Protesten wurde das Gasthaus einer “Zwangsverwaltung” unterstellt. Die örtliche Sparkasse, der als Gläubigerbank die Hälfte des Gasthauses gehörte, befürchtete einen stetigen Wertverlust wegen der Proteste. Seitdem ist das Gasthaus dicht. Die Schlösser wurden ausgetauscht. Und die Neonazis um Norman Bordin sind auf der Suche nach der nächsten Konzert-Location.

Wer sich gegen Neonazis wehren will, muss sie erst einmal erkennen. Die meisten verzichten in der Öffentlichkeit auf verbotene Symbole wie den Hitler-Gruß oder das Hakenkreuz. Sie lassen sich das “Keltenkreuz” tätowieren, nennen sich “German88″ bei Youtube oder drucken die “Schwarze Sonne” auf das Cover ihres Rechtsrock-Albums. In der Rechtsrock-Szene existiert ein eigener Nazi-Code.

 

About Matthias Dachtler


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>