Schwulenhass, war da was?

Seit 1990 gilt Homosexualität nicht mehr als psychische Krankheit. An den Vorurteilen hat sich trotzdem nicht viel geändert – vor allem auf dem Land nicht. on3 hat sich in Bayern umgeschaut. Mit eindeutigem Ergebnis.

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Sulzbach-Rosenberg im Juli 2001: Die halbe Stadt feiert zwischen Buden, Bierbänken und der St. Marien Kirche Volksfest. Auch Nicole und ihre Freundin schlendern händchenhaltend über die Straßen am Annaberg. Dann endet der Gottesdienst, eine Menschenmenge strömt an dem verliebten Paar vorbei. Der Pfarrer aber stürmt direkt auf die beiden Mädchen zu und schreit: “Runter von meinem Berg, ihr Scheiß-Lesben!”

Damit fangen Nicoles Probleme erst an: Die Eltern ihrer Freundin verbieten die Beziehung, Mitschüler wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben, Nicoles Mutter hofft, dass ihre 16-jährige Tochter “nur eine Phase” durchlebt. Als diese Hoffnung zerbricht, zerbricht auch die Familie. Die beiden reden nicht mehr miteinander.

Ein Teufelskreis aus Schweigen und Vorurteilen

Zehn Jahre später hat sich in Sulzbach-Rosenberg nichts geändert: Homosexualität ist in der 20.000-Einwohner-Stadt immer noch ein Tabu. “In meinen knapp 40 Jahren Dienstzeit habe ich noch nie von einem Homosexuellen hier gehört”, sagt Hauptamtsleiter Johann Gebhardt. Befragt man Passanten auf der Straße, schwingen die Reaktionen zwischen Ablehnung, Achselzucken und Ignoranz.

Stefan Schimmel ist Vorstand des bayerischen Lesben- und Schwulenverbands und kennt diese Situation aus eigener Erfahrung: Er ist in einem Dorf bei Würzburg aufgewachsen. “Es ist ein Teufelskreis”, sagt er. Auf dem Land kennen nur wenige einen geouteten Schwulen oder eine Lesbe persönlich. Die Folge: Vorurteile in der Bevölkerung gedeihen ungestört, Schwule und Lesben haben deshalb noch mehr Angst, verstoßen zu werden und outen sich nicht, so Schimmel. Sie verstecken sich oder ziehen weg in die Großstadt. An den Vorurteilen und dem ablehnendem Klima ändert sich nichts.

“Jugendliche sind mit ihrem Outing überfordert”

Die anhaltende Homophobie auf dem Land ist gefährlich für Schwule und Lesben. “Besonders schlimm ist die Situation für junge Leute”, sagt Christopher Knoll, Psychologe und Berater im Münchner Schwulen-Zentrum Sub. Viele Schwule und Lesben auf dem Land führen ein Doppelleben oder eine heterosexuelle Scheinbeziehung. Homosexuelle Jugendliche fühlten sich schnell unnormal, krank und isoliert. Die Folge: “Das Suizid-Risiko bei homosexuellen Jugendlichen ist vier mal so hoch als bei Heterosexuellen.” Je konservativer und ablehnender das Umfeld, desto größer ist das Risiko.

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“Jugendliche sind mit ihrem Outing völlig überfordert”, sagt Andreas Unterforsthuber. Niemand könne von ihnen verlangen, das gesellschaftliche Klima alleine zu ändern. Unterforsthuber arbeitet seit fast 20 Jahren in der psychosozialen Beratung für Homosexuelle und leitet die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Stadt München. Auf dem Land gebe es aktuell so gut wie keine Beratungsstellen für Homosexuelle. “Außer dem Internet und ein paar verstreuten Jugendgruppen ist da nichts”, sagt Unterforsthuber.

Die Kommunen sehen keinen Handlungsbedarf

Andreas Unterforsthuber von der Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Stadt München

Da es in Bayern keine landesweite Koordination für die Beratung gibt, hat Unterforsthubers Abteilung den Job in den vergangenen Jahren immer mal wieder übernommen. Der Stadtangestellte versucht jedem zu helfen, der vom Land anruft. “Die Arbeit für ganz Bayern kann ich aber nicht leisten”, sagt er. Unterforsthuber wünscht sich, dass auf kommunaler Ebene Angebote in Jugendberatungsstellen, Jugendfreizeiteinrichtungen, Erziehungsberatungsstellen und Schulen entwickelt werden.

Das Problem ist, dass kommunale Entscheidungsträger oft keinen Bedarf sehen, eine derartige Infrastruktur aufzubauen – wo es keine Homosexuellen gibt, braucht es auch keine Beratung. Stefan Schimmel sieht deswegen die Staatsregierung in der Pflicht: “So eine Koordinierungsstelle muss auf Landesebene eingerichtet werden.”

Wirkliche Alternativen gibt es nicht

Eine Koordinationsstelle auf Landesebene, kommunale Initiativen, das Bewusstsein für Homosexualität schon an den Schulen schärfen – genau das hat Claudia Stamm Ende März im bayerischen Landtag beantragt. Stamm ist Landtags-Abgeordnete und gleichstellungspolitische Sprecherin der Grünen. Noch wurden die Anträge im Landtag nicht behandelt. Viel Hoffnung macht sich Stamm aber nicht. Die schwarz-gelbe Mehrheit im Landtag lehnt Anträge der Opposition regelmäßig ab.

Nicole aber will nicht warten, bis sich im Landtag etwas bewegt. Jahrelang hat die heute 26-Jährige Pfiffe auf der Straße überhört, die Lästereien der Kollegen ignoriert und die Isolation als einzige geoutete Lesbe ertragen. “Ich habe jetzt die ganzen Diskriminierungen und die Intoleranz satt”, sagt sie. “Wenn ich eine Beziehung haben will, die ich auch ausleben darf, dann muss ich einfach in eine Großstadt ziehen.” Aktuell sucht sie eine Wohnung – in Regensburg. Nicole wird ihre Freunde vermissen, sich einen neuen Job suchen müssen. Aber das ist es ihr wert: “Ich habe im Endeffekt keine andere Wahl.”

Anlauf- und Beratungsstellen für Homosexuelle in Bayern

Sub – Schwules Kommunikations- und Kulturzentrum München e.V.: Münchens psychosoziale Beratungsstelle und Treffpunkt für Schwule und ihre Angehörigen.
Kontakt: http://www.subonline.org

Letra – Beratungsstelle des Lesbentelefon e.V. München: Beratungsstelle, Treffpunkt und Veranstaltungsort für Lesben.
Kontakt: http://www.letra.de

Diversity – LesBiSchwules Jugendzentrum München: Münchens Treffpunkt für junge Homosexuelle.
Kontakt: http://www.diversity-muenchen.de

Lambda Bayern – Dachverband der lesbischen und schwulen Jugendgruppen: Hier findet ihr Kontakte zu Jugendgruppen auf dem Land.
Kontakt: www.lambda-bayern.de

About Matthias Dachtler


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