Schrauber aller Länder vereinigt euch!

Kaufen für die Tonne. MP3-Payer, Handys und Computer landen früher auf dem Müll, als sie müssten. Der frühe Tod ist von den Herstellern oft gewollt. Jetzt rollt die Gegenbewegung an: die “Repair Revolution”. Ein Bayer kämpft mit.

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Die meisten von uns kennen das: Kaum ist die Garantie abgelaufen, gehen unsere Gadgets kaputt. Der Handy-Akku lädt nicht mehr, das Display beim MP3-Player spinnt, das Notebook überhitzt und schaltet sich einfach aus. Reparieren lohnt sich nicht, sagt die Werkstatt, zu teuer. Also ab damit in den Müll. Neue Sachen kaufen. Marketing-Profis nennen diesen Zyklus “Geplante Obsoleszenz”. Der frühe Tod unserer Gadgets ist kein Zufall, sondern geplant. Problem ist nur: Das nachzuweisen, ist sehr schwer. Keiner weiß, wie viele Hersteller ihre Geräte absichtlich früh kaputt gehen lassen – weil niemand die Beispiele sammelt. Zwar schwirren unendlich viele böse Einträge in Foren und Blogs durchs Netz.

Aber das reicht nicht. Es fehlt die eine Seite, auf der alle Informationen zusammenfließen. Genau das will der Berliner Blogger und BWLer Stefan Schridde erreichen. Er arbeitet an einem Webportal, in dem Fallbeispiele gesammelt und von Experten eingeordnet werden. Erst wenn klar wird, wie viele Käufer vom gleichen Produkt enttäuscht sind, erzeugt das Druck auf die Hersteller. Eine gute Idee. Alleine wird er sie allerdings nie umsetzen können.

Aber nicht nur die Hersteller sind schuld am frühen Tod der Gadgets. Wir Konsumenten machen fröhlich mit. Wir lassen uns von Marketing-Profis einreden, dass Altes schlecht und Neues gut ist. Die Folgen der sogenannten “psychischen Obsoleszenz” sieht man in Deutschland auf jedem Wertstoffhof. Immer mehr funktionierende Geräte landen auf dem Müll. Rund 80 Prozent der weggeworfenen Elektro-Geräte funktionieren noch, schätzt Platzwart Tobias Quoll, den wir auf dem Münchner Wertstoffhof Thalkirchen besucht haben. Laut Umweltbundesamt wuchs der deutsche IT-, Handy- und Unterhaltungselektronik-Schrottberg zwischen 2006 und 2008 von 215.000 auf 300.000 Tonnen pro Jahr.

Markus Weiher, Technik-Nerd aus Weisendorf bei Erlangen, wirft schon lange keine elektrischen Geräte mehr weg. Aber alleine hätte er sie nicht reparieren können. Nur wenige Hersteller veröffentlichen Schaltpläne oder Reparatur-Anleitungen. Wer seine Geräte selber reparieren will, ist auf die Erfahrung anderer User angewiesen.

Genau hier setzt die US-Schrauber-Community ifixit.com an. Sie will eine Plattform für alle Schrauber weltweit sein. Markus Weiher ist einer der Top-Autoren. Er hat knapp 1300 User-Fragen beantwortet, dafür hat ihm Ifixit mehr als 40 virtuelle Abzeichen verliehen, unter anderem das begehrte goldene “Ace of Answers” und den “Master Tinkerer”. Aber ifixit.com ist mehr als ein normales Do-It-Yourself-Forum. Ifixit will den Planeten vor der endgültigen Vermüllung retten.

Die Ifixit-Community hat ihre Forderungen in einem online veröffentlichten Kampfblatt zusammengeschrieben, dem “Self-Repair Manifesto”, in deutscher Fassung “Manifest der eigenständigen Reparatur”. Darin fordern die Aktivisten unter anderem das Recht “auf Geräte, die geöffnet werden können”, sie fordern das Recht “auf Fehlercodes und Schaltpläne”, und das Recht, “uns den Techniker selbst auszusuchen”.

Bei vielen Produkten trifft nichts davon zu. Man braucht Spezial-Werkzeug um sie zu öffnen, Schaltpläne gibt es keine, Ersatzteile haben nur vom Hersteller lizenzierte Techniker. Ifixit veröffentlicht deswegen regelmäßig Videos, in denen die blonde Moderatorin “MJ” zeigt, wie man sein Gerät trotzdem selbst reparieren kann.

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Aber auch Ifixit hat seine Grenzen. Wer nicht nur einen Akku wechseln, sondern einen Kondensator tauschen oder einen Fahrrad-Rahmen schweißen will und keinen Werkzeugkoffer wie Markus Weiher besitzt, braucht eine Werkstatt und jemanden, der erklären kann, wie man richtig lötet oder schweißt.

Die Lösung: Offene Werkstätten. Gibt’s in ganz Deutschland, in Bayern zum Beispiel im “Kempodium” in Kempten, im “Kulturzentrum K4″ in Nürnberg oder im “Haus der Eigenarbeit” in München. Eine Link-Liste gibt’s beim Verbund Offener Werkstätten.

“Das Besondere am Reparieren ist ja, dass das jeder machen kann”, sagt Markus Weiher. on3 schließt sich an und empfiehlt: “Join the Repair Revolution!”

Film-Tipp: “Kaufen für die Müllhalde”

Wer mehr darüber wissen möchte, wie die Industrie die Lebensdauer ihrer Produkte künstlich verkürzt, zum Beispiel bei Nylonstrumpfhosen, Druckern oder Glühbirnen, findet im Netz die arte-Dokumentation “Kaufen für die Müllhalde”. Die deutsche Regisseurin Cosima Dannoritzer hat dafür drei Jahre recherchiert.

About Matthias Dachtler


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