Research Chemicals: stark, tödlich und legal

Jede fünfte Partydroge ist mit unerforschten Chemikalien verseucht. Tendenz steigend. Die sogenannten Research Chemicals breiten sich in Europa aus. Sie sind stark, gefährlich – und im Netz so einfach zu bestellen wie eine Pizza.

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In Bayern breiten sie sich als Alternative zu Ecstasy, Speed und Kokain unbemerkt aus: Research Chemicals. Konsumenten bestellen die unerforschten und potentiell tödlichen Chemikalien im Internet – als puren Wirkstoff oder gestreckt als “Badesalz”. Andere nehmen Research Chemicals, ohne es zu merken. Der Wiener Toxikologe Rainer Schmid sagt, jede fünfte Ectstasy-Pille und jedes fünfte Speed- und Kokain-Tütchen ist mit Research Chemicals verseucht.

Wer Research Chemicals nimmt, macht sich zur Labor-Ratte und riskiert sein Leben. Die Substanzen wurden nie am Mensch getestet, nicht einmal an Ratten. Wirkung, tödliche Dosen, Langzweitwirkung – alles unbekannt. Als Abfall-Produkte aus der Pharma-Forschung werden sie in chinesischen Laboren zusammengepanscht, im Gegensatz zu Ecstasy, Speed und Kokain kann man sie in Deutschland legal kaufen. Einfach deshalb, weil die Behörden mit dem Verbieten nicht nachkommen.

Drugchecking in Wien: auf Rädern gegen schmutzige Pillen

Auf das hohe Risiko einer Überdosis bei Research Chemicals reagiert man in Österreich mit einem mobilen Labor. Chemiker und Drogenberater bieten darin auf Elektro-Festivals und Partys eine anonyme und kostenlose Analyse illegaler Drogen an. “CheckIt” heißt das Projekt. Wer seine Partydroge dort testen lässt, dem sagen die Berater binnen einer halben Stunde, welche Substanzen sie enthält. Hinter “CheckIt” steckt eine Kooperation zwischen der Stadt Wien und der Medizinischen Universität Wien mit dem Ziel, dass Festivalbesucher Partydrogen mit möglichst wenig Risiko konsumieren – oder gepanschte Drogen wegwerfen.

 

Drogenpolitik in Bayern: Verbotskeule statt Modellprojekt

Die bayerische Staatsregierung ist der Meinung, Drugchecking verharmlose illegale Drogen – und lehnt ein Modellprojekt im Freistaat ab. Das Innenministerium duldet “rechtsfreie Räume” nicht, Markus Söder wollte als Gesundheitsminister “generell vor allen Stoffen warnen und nicht herausfiltern, welche weniger und welche mehr gefährlich sind”. Unterstützer finden sich dagegen bei der Opposition im bayerischen Landtag. Die Ärztin und gesundheitspolitische Sprecherin der SPD Kathrin Sonnenholzner hält Drugchecking “als niederschwellige Prävention für eine gute Sache”.
Der Landtagsabgeordnete und jugendpolitische Sprecher der Grünen Ludwig Hartmann geht noch einen Schritt weiter. “Die Einführung eines Drugchecking-Modellprojekts in Bayern ist dringend geboten, um Todesfällen durch gepanschte weiche Drogen vorzubeugen”, sagt er. Die Drogenpolitik der Staatsregierung nennen die beiden “realitätsfern” und “anachronistisch”.

Nichts geht ohne Änderung des Betäubungsmittelgesetzes

Die häufigsten Nebenwirkungen synthetischer Drogen

Man könnte ein “Drugchecking”-Projekt in Bayern aber auch ohne den Segen von Innen-, Gesundheits- und Justizministern aufziehen. Das geht aber nur, wenn der Bundestag das Betäubungsmittelgesetz ändert. Bei den aktuellen Mehrheitsverhältnissen sieht es allerdings nicht danach aus. Bei der letzten Änderung des Betäubungsmittelgesetzes wurden “Substanzanalysen in Drogenkonsumräumen” bewusst ausgeschlossen.

Einzige Ausnahme: Apotheken

Apotheken sind die einzige Institution in Deutschland, die Drugchecking durchführen darf – ohne Genehmigung oder Gesetzesänderung. Allerdings gilt das nur für die Apotheken-Räume, nicht für mobile Labors. Tatsächlich können alle bayerischen Apotheken den Service anbieten, Suchtmittel-Proben anonym und ohne Polizei zu testen. Diesen Service kennt aber fast niemand. Seit 2008 wurden in Bayerns Apotheken nur 67 Proben abgegeben. Die bayerische Apothekenkammer bewirbt den Service nicht, weil sich die Apotheker nicht als “Drogenberater” sehen. Die Analyse bestimmt alle Inhaltsstoffe, nicht jedoch die Reinheit des Wirkstoffs, damit Dealer das Angebot nicht ausnutzen können. Ein Test kostet 20 Euro.

Mehr Informationen zu Research Chemicals bei mindzone.info

Die Drogenberater von mindzone ziehen seit 1996 durch bayerische Clubs – ein Labor haben sie allerdings nicht dabei.

About Matthias Dachtler


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