Wer teilt, ist der Täter

Unser veraltetes Urheberrecht kriminalisiert praktisch jeden User, der soziale Netzwerke oder Videoplattformen nutzt. Die Frage ist: Wie können wir ein offenes Internet schaffen und verhindern, dass die Urheber pleitegehen?

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Nicht nur Tauschbörsen, sondern auch Facebook, Google+ & Co sind ein Paradies für Abmahner. Ein Musik-Video teilen kann schnell 1600 Euro kosten. Ein witziges Foto 500 Euro, ein Lied-Text 1000 Euro. Im Jahr 2011 haben Anwälte rund 200.000 User in Deutschland wegen Urheberrechtsverletzungen abgemahnt. Wer eine Abmahnung kassiert, sollte sich auf jeden Fall Hilfe holen, zum Beispiel beim “Verein gegen den Abmahnwahn”.

 

Urheberrechts-Experte Bruno Kramm

Bruno Kramm will der Abmahnerei ein Ende machen. Er will das legalisieren, was für die meisten jetzt schon selbstverständlich ist und fordert: “Wir müssen das Urheberrecht an das Internet-Zeitalter anpassen.” Bruno ist Pirat – und möchte geduzt werden. Er ist DER Urheberrechts-Experte seiner Partei und steckt mitten in einer medialen Schlacht. Im Kern muss er immer wieder die gleiche Frage beantworten: Wie können wir den freien Austausch von Wissen und Kultur im Netz garantieren, ohne den Urhebern ihre Existenzgrundlage zu entziehen? Brunos (verkürzte) Antwort: Privates Filesharing legalisieren, die Urheber dafür nicht finanziell entschädigen, weil sie durch Filesharing kein Geld verlieren. Die Mehrzahl seiner Musiker-Kollegen sieht das anders.

Die Künstler wehren sich

Viele Urheber – also Autoren, Regisseure, Musiker, Produzenten, Schauspieler oder Komiker – wollen ihre Werke nicht verschenken. Sie fürchten pleitezugehen. Deswegen haben die Kreativen mit der Netz-Initiative wir-sind-die-urheber.de zum Gegenangriff geblasen. Tausende Künstler haben unterschrieben, darunter Promis wie Sven Regener, Charlotte Roche und Mario Adorf.

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Die Idee der Piraten, privates Filesharing zu legalisieren, halten die Unterzeichner der Netz-Initiative für den “profanen Diebstahl geistigen Eigentums”. Die Künstler wollen ihre Urheberrechte im Netz besser schützen – wie das gehen soll, schreiben sie aber nicht. Möglich wären bessere Kopierschutzsysteme, mehr Überwachung im Internet oder härtere Strafen für Filesharer. Für Bruno ein Albtraum. “Wer die Urheberrechte im privaten Bereich im Netz durchsetzen will, muss eine Überwachungsinfrastruktur im Internet aufbauen, die die Kommunikationsfreiheit aller User einschränkt”, sagt er.

“Filesharing ist eine Chance”

Musiker Bruno Kramm

Urheber sollten Filesharing nicht als Bedrohung, sondern als Chance betrachten, findet Bruno. “Ich habe als Musiker unheimlich viel davon gehabt”, sagt er. Mit seinem Elektro-Projekt “Das Ich” wurde er zu 27 Konzerten in Russland eingeladen, “nur weil unsere Songs über Filesharing verbreitet wurden”. Geld verdient er mit Konzertkarten und CD-Verkäufen vor Ort. “Die Menschen sind Jäger und Sammler, die wollen weiterhin physikalische Werte wie CDs mit Booklets”. Andere Musiker halten Filesharing für eine existenzielle Bedrohung. Die Berliner Band Bodi Bill hat für on3 die Hosen runtergelassen und offen gelegt, wie wenig sie noch mit CDs, Downloads und Streams verdienen.

Hacker wollen Kulturwertmark

Selbst unter Netzaktivisten gelten die Piraten bei der Urheberrechts-Debatte als Hardliner. Der Chaos Computer Club (CCC) kommt den Künstlern eher entgegen. Die Hacker schlagen eine “Kulturwertmark” vor. Die Idee: Jeder User zahlt mit dem Breitbandanschluss eine monatliche Pauschale, zum Beispiel fünf Euro. Diese Pauschale können die User über eine neu gegründete Stiftung an die Künstler ihrer Wahl verteilen – unabhängig davon, welche Songs und Filme sie runtergeladen haben. Der Vorteil: Die Kulturwertmark funktioniert ohne Internet-Überwachung, weil die Downloads nicht gezählt werden müssen.

Mediensoziologe Volker Grassmuck

Der Berliner Mediensoziologe und Netzaktivist Volker Grassmuck hält die Verteilung des Geldes bei der Kulturwertmarkt für unfair. Grassmuck plädiert für die sogenannte “Tauschlizenz” oder “Kulturflatrate”. Unterschied: Die Pauschale wird nach der Zahl der Downloads ausgeschüttet, sprich: Wer vor allem Lady Gaga herunterlädt, zahlt auch an Lady Gaga. Zur Ermittlung der Dowloadzahlen schlägt Grassmuck statt einer landesweiten Internet-Überwachung ein repräsentatives Panel von Haushalten vor, die sich freiwillig bereit erklären, ihr Mediennutzungsverhalten messen zu lassen. So ermitteln zum Beispiel die Konsumforscher der Gfk die TV-Quoten.

Kultur als Flatrate

Bisher sympathisieren nur einzelne Politiker wie Jürgen Trittin von den Grünen mit der Kulturflatrate. Die Bundestagsfraktion der Grünen hat bereits 2009 bei der Uni Kassel ein juristisches Gutachten zur “Zulässigkeit” einer Kulturflatrate in Auftrag gegeben. Das Fazit der Juristen: “Die gesetzliche Einführung der Kulturflatrate erfordert somit zwar sowohl Änderungen des nationalen als auch des europäischen Rechts, sie ist aber nicht weniger als die logische Konsequenz der technologischen Revolution, die durch das Internet erfolgt ist.”

Seitdem sind die Grünen wieder von der Kulturflatrate abgewichen. Volker Grassmuck hält das für einen Fehler. Er fordert ein Pilotprojekt: “Nach zehn Jahren Debatte über die Legalisierung des Tauschens und die vergeblichen, aber schädlichen Versuche es zu unterdrücken, ist es an der Zeit, das Modell endlich mal praktisch auszuprobieren.”

Parteien buhlen um Netznerds

Für Bruno Kramm hat sich der ganze Medienrummel um eine Urheberrechtsreform schon gelohnt. Alle Parteien müssen sich damit bis zur Bundestagswahl im Herbst 2013 auseinandersetzen, wenn sie die netzaffinen jungen Leute nicht an die Piraten verlieren wollen. Auch die CSU. Die hat auf Anfrage von on3 mitgeteilt: “Das Internet ist für uns Teil des Alltags. Die CSU fordert die Überarbeitung des veralteten Urheberrechts.” Wie genau das aussehen soll, darauf haben sich die CSU-Politiker noch nicht geeinigt. Viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr. Denn bei den Usern an den Wahlurnen wird es eine entscheidende Rolle spielen, welche Partei sich wie dafür einsetzt, dass die Freiheiten, die sie jetzt im Netz genießen, möglich und straffrei sind.

About Matthias Dachtler


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