Crystal-Meth-Boom: Bayern berauscht sich

Vor zwei Jahren haben die Tschechen ihre Drogen-Gesetze gelockert. Seitdem werden immer mehr junge Bayern zu Drogen-Touristen. Der Handel mit Crystal Meth boomt. Ist das das Ende der bayerischen Null-Toleranz-Politik?

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Nennen wir sie “Vanessa”. Vanessa, 16, ist seit eineinhalb Jahren abhängig von Crystal. Sie wohnt in Cham, einer oberpfälzischen Kleinstadt direkt an der Grenze zu Tschechien. Ihr Vater ist vor kurzem gestorben, er war Alkoholiker.

Angefangen hat alles, als Vanessas Mutter wegen ihrer Depressionen mehrere Wochen in die Reha musste. In dieser Zeit kommt Vanessa mit “Tom”, 17, zusammen, einem Crystal-Dealer. Tom versorgt Vanessa seitdem regelmäßig mit Stoff. Immer wieder fahren sie die 30 Kilometer zu den Vietnamesen-Märkten in Tschechien. Meist dröhnen sich die beiden gleich vor Ort zu.

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Vanessa will ihrer Mutter nichts davon erzählen. Sie kommt und geht, wann sie will. Ihr Leben dreht sich nur noch um die Droge. Vanessas Mutter sagt, Crystal hat das Leben ihrer Tochter zerstört. Obwohl Vanessa bereits zwei Therapien gemacht hat, wird sie immer wieder rückfällig. Sie hat starke Stimmungsschwankungen und klaut, wenn sie nicht genügend Geld hat – auch innerhalb der Familie. Sie wird aggressiver, immer öfter kommt es zum Streit – ihre Mutter ist verzweifelt.

Christian Pongratz, 37, kennt Vanessa. Er arbeitet als Drogenfahnder bei der Polizei Furth im Wald. “Sie hat bereits mit 16 eine typische Drogenkarriere hinter sich”, sagt er. Er und seine Kollegen erwischen immer mehr junge Leute, die neben DVDs und Fake-Klamotten auch Crystal Meth aus Tschechien mitbringen. In den letzten zwei Jahren ist die Zahl der aufgegriffenen Drogenschmuggler in der Oberpfalz um bis zu 300 Prozent gestiegen. Die Dunkelziffer ist riesig, die Polizei quasi machtlos. Der Hauptgrund für den Boom: Die Liberalisierung der Drogen-Gesetze in Tschechien zum 1. Januar 2010.

Auf den Besitz eines Gramms Crystal Meth stehen in Bayern bis zu drei Jahre Gefängnis – in Tschechien ist der Besitz von bis zu zwei Gramm nicht mal mehr strafbar. Die Idee dahinter: Konsumenten sollen nicht mehr als Kriminelle abgestempelt werden.

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Wir fragen uns: Was bedeutet die tschechische Liberalisierung für Bayern? Sollte die Staatsregierung nachziehen und sich von der Null-Toleranz-Politik verabschieden? Genau das fordert die Piraten-Partei.

Faktencheck zur Liberalisierungs-Diskussion

Wir prüfen, was Christoph Rossner, Mitglied AG Drogen der Piraten-Partei, am on3-Sendebus behauptet hat.

“Wenn wir konsequent sein wollen, müssen wir auch Nikotin und Alkohol verbieten. Das sind auch harte Drogen. Die Sucht-Gefährdung und der körperlichen Verfall sind auf gleichem Niveau wie bei Heroin.”

Ein unabhängiger britischer Expertenrat – das “Independent Scientific Committee on Drugs” hat im Jahr 2010 zwanzig psychoaktive Substanzen auf ihre Gefährlichkeit geprüft. Die Wissenschaftler haben körperliche und soziale Schäden als auch das Abhängigkeitspotential berücksichtigt und ein Punktesystem von 100 (sehr gefährlich) bis 0 verwendet.

Das Ergebnis:
Platz 1: Alkohol (72 Punkte)
Platz 2: Heroin (55 Punkte)
Platz 3: Crack (54 Punkte).
Cannabis landete mit 20 Punkten im Mittelfeld der Gefährlichkeitsskala.

Bei welcher Droge ist die Wahrscheinlichkeit, abhängig zu werden, am größten? Im Jahr 2011 hat ein internationales Forschungsteam Nikotin, Alkohol, Cannabis und Kokain untersucht, zu denen Daten von über 50.000 Personen vorlagen.

Das Ergebnis:
Platz 1: Nikotin. 68 Prozent der Leute, die jemals geraucht haben, wurden abhängig.
Platz 2: Alkohol (23 Prozent)
Platz 3: Kokain (21 Prozent)
Platz 4: Cannabis (9 Prozent)

Die Auswertung der Studie zur Gefährlichkeit der Drogen gibt es bei drugcom.de, der Drogen-Info-Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Bei drugcom gibt’s auch mehr Infos darüber, wie abhängig  Nikotin im Vergleich zu anderen Drogen macht.

Was meint ihr? Wie mündig sind wir? Können wir mit einer Legalisierung aller Drogen – wie es die Piraten fordern – umgehen, oder versinken wir im kollektiven Rauschzustand?

About Matthias Dachtler


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